Katastrophe mit Ankündigung

Die Dürre am Horn von Afrika bedroht die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Auf der Suche nach den Ursachen richtet das DRK den Blick weiter als auf den ausbleibenden Regen allein.

Die veränderten Lebensräume in der Region spielen eine entscheidende Rolle. 

Über drei Viertel ihres Viehbestandes hat die Dorfgemeinschaft von Bede in Südäthiopien verloren, seit der Regen dort ausblieb. Doch nicht nur Bede, sondern ganze Landstriche in Äthiopien, Kenia, Somalia und Dschibuti sind von der schwersten Dürre in der Region seit sechzig Jahren betroffen. „Der ausbleibende Regen allein begründet dieses Ausmaß allerdings nicht. Denn die Niederschlagsmengen sind in dieser Region immer schon Schwankungen unterlegen“, sagt Conny Häusler, Leiterin des DRK-Regionalbüros in Nairobi. Dass diese Dürre kommen würde, war abzusehen. Schon Monate zuvor sagten Experten voraus, dass der Regen am Horn von Afrika ausbleiben werde. Die richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit hätten viele Menschen vor Not bewahren können. Trotz aller Erfahrung aus vorangegangenen Dürren haben es Regierungen und öffentliche Geldgeber verpasst, die nötigen Vorsorgevorkehrungen zu unterstützen.

„In Zukunft müssen alle beteiligten Stellen die Warnungen ernst nehmen und reagieren. Darüber hinaus müssen diese Informationen auch die Menschen in den betroffenen Regionen erreichen, damit die Dürre sie nicht so stark überrascht“, sagt Häusler. Ein weiteres Problem: Die viele Jahrhunderte alten Überlebensstrategien reichen aufgrund von Krieg und drastisch ansteigenden Bevölkerungszahlen nicht mehr aus, um die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung auch während Trockenperioden der aufrechtzuerhalten. Das gilt vor allem für die große Zahl an Nomaden und Halbnomaden, die Kamele, Schafe, Ziegen oder Rinder züchten. In vielen Fällen reichen die natürlichen Ressourcen wie Gräser und Wasser nicht aus, um sie zu versorgen, da die Zahl an Weideflächen sinkt. So zerstört das Roden ganzer Wälder fruchtbare Böden. Dort, wo einst Bäume die Erde schützten, tragen Wind und Wasser die fruchtbaren Schichten ab und hinterlassen eine karge Wüste. Doch da Holzkohle oft den einzigen bezahlbaren Brennstoff zum Kochen und Heizen darstellt, ist dieses Problem schwierig zu lösen.

Die Verbreitung von Waffen, die Absperrung von Stammesgebieten oder Ländergrenzen und regionale Konflikte wie in Somalia schränken die Mobilität der Nomaden weiter ein und unterbinden traditionelle Wanderungsrouten, die für ihr Überleben essenziell sind.

Akutes Leiden lindern

Dennoch halten die Hirtenfamilien ihre Tiere in derselben Weise wie ihre Vorfahren vor über sechs Jahrzehnten. Hatte eine Gemeinschaft früher genug Vieh, um die Folgen von Dürreperioden zu dämpfen, deckt heute die Anzahl der Tiere schon in niederschlagsreichen Zeiten nur das Existenzminimum. In Kombination mit den politischen Gründen haben die natürlichen Dürrezyklen in diesem Jahr die laut den Vereinten Nationen derzeit schwerste Nahrungsmittelkrise auf der Welt zur Folge.

Um das akute Leiden der Menschen zu lindern und das Überleben zu sichern, verteilt das Äthiopische Rote Kreuz Essen und Trinkwasser. Auch an über 200 Schulen in Kenia versorgen Mitarbeiter des dortigen Roten Kreuzes rund 200 000 Schulkinder für die Dauer der Dürre mit einer regelmäßigen Mahlzeit – eine Maßnahme, die das DRK finanziert. Zusätzlich plant das DRK, das Kenianische Rote Kreuz bei der Verbesserung der Wasserversorgung in 13 Distrikten Kenias finanziell zu unterstützen. Große Wassertanks sollen aufgefüllt, neue Rohrleitungen gelegt oder repariert sowie neue Brunnen gebohrt werden. Schwieriger ist die Arbeit in Somalia, da dort weite Teile für Hilfsorganisationen kaum zugänglich sind.

Seit Jahren kämpft die weitgehend machtlose Übergangsregierung gegen die radikalislamistische Al-Shabab-Miliz, die Hilfen für die von der Dürre betroffene Bevölkerung oft verhindert. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und der Somalische Rote Halbmond sind dennoch in der Lage, Hunderttausende mit Nahrungsmitteln, Trinkwasser und mobilen Gesundheitsdiensten zu erreichen. Die anhaltende Trockenheit hat eine regelrechte Massenflucht in die benachbarten Länder Kenia und Äthiopien ausgelöst.

Hilfe zur Selbsthilfe

Auch wenn momentan das Retten von Leben im Vordergrund der Helfer steht, richten sie schon jetzt den Blick in die Zukunft. „Wenn wir weitere akute Notfallsituationen verhindern wollen, müssen Regierungen, Spender und humanitäre Organisationen in langfristige Lösungen investieren, also der Bevölkerung ermöglichen, künftige kritische Situationen wieder selbst zu meistern, etwa durch die Instandhaltung von Brunnen und Wasserleitungen und den Anbau von Bäumen. Bäume würden helfen, die lebenswichtigen Wasserstellen vor dem Austrocknen zu bewahren“, erklärt Häusler.

Ein nächster Schritt ist, den Menschen die Zusammenhänge zwischen Klimawandel, Landwirtschaft und Viehzucht zu verdeutlichen und Strategien zu entwickeln, sich anzupassen. „Dazu gehört, dass die Bauern die traditionelle Landwirtschaft aufgeben und zum Beispiel wetterresistentes Saatgut einsetzen“, sagt Häusler. Und nachhaltigen Ackerbau betreiben, um Trockenphasen zu überbrücken und den Boden fruchtbar zu halten. Das bedeutet vor allem, Wasser zu sammeln und  Bewässerungssysteme zu installieren. Allerdings ist das Graben nach neuen Quellen aufgrund sinkender Grundwasserspiegel nicht ausreichend. Deswegen fördert das Rote Kreuz sogenannte Flachbrunnen und Wassergruben, in denen sich Oberflächenwasser für Tiere und Felder sammelt.

Mit umweltfreundlicher Solar- und Windenergie kann dieses Wasser mit Pumpen verteilt werden, ohne dass unnötig Diesel eingesetzt werden muss. Auch Trinkwasser kann mit Lehmfiltern aus diesem gesammelten Oberflächenwasser gewonnen werden. „Für flächendeckende Veränderungen ist es wichtig, dass die ostafrikanischen Regierungen die nötigen Maßnahmen selbst ergreifen. Hilfsorganisationen können nur unterstützend wirken“, sagt Häusler. Eines ist nämlich jetzt schon sicher: Vor der nächsten Trockenheit kommt eine Regenzeit mit starken Niederschlägen. Weil der Boden ausgetrocknet und hart ist, kann das Wasser nicht versickern. Dann drohen statt Dürre Überschwemmungen.

Aktuelle Ausgabe 4 | 2011

Titel: Kinderarmut - Hilfe für die Jüngsten