Kleine Summen, große Wirkung

Der Kinderhilfsfonds des DRK-Kreisverbands Kiel unterstützt Kinder aus armen Familien – die Zuschüsse können Leben verändern.

Roibin ist arm. Die Eltern der Neunjährigen sind Kurden und als Flüchtlinge aus Syrien nach Kiel gekommen. Die vier Kinder – Rojbin, ihre elfjährige Schwester Rozerin und zwei jüngere Brüder – sind in Deutschland geboren. Die Mutter ist nicht berufstätig, spricht kaum Deutsch und kapselt sich ab.  Der Vater kann sich selten kümmern – er arbeitet in einem Lokal. Dennoch ist sehr wenig Geld da: Bildungsferne und Migrationsbiografie – zwei klassische Faktoren, die familiäre Armut begünstigen. „Als ich Rojbin kennenlernte, war sie extrem schüchtern“, erzählt Sabine Dostall-Petersen, Lehrerin an der Matthias-Claudius-Schule in Kiel-Elmschenhagen. „Und manchmal machten sie und ihre ältere Schwester einen ungepflegten Eindruck.“ Dostall-Petersen hat gehandelt: Sie hat zuerst Rozerin, später auch Rojbin im Mentorenprogramm „Balu und Du“ untergebracht. Dabei kümmert sich jeweils ein junger Erwachsener ehrenamtlich ein Jahr lang um einen Grundschüler oder eine Grundschülerin, die von Armut betroffen sind.

Den Alltag erträglicher machen

Balu und Du im Museum

Dass „Balu und Du“ seit Mai 2009 in Kiel bereits mehr als 30 Kinder mit einem Mentor oder einer Mentorin zusammengebracht hat, ist das Verdienst des Kinderhilfsfonds des DRK-Kreisverbands Kiel, der das Projekt finanziell unterstützt. Aber der Fonds ermöglicht nicht nur das erfolgreiche Mentorenprogramm: Darüber hinaus fördert er das Kieler DRK-Projekt „Fit for Money“, das Kindern aus armen Familien den vernünftigen Umgang mit Geld beibringen soll, Schwimmkurse der DRK-Wasserwacht und die DRK-Schulaufgabenhilfe mit Zuschüssen. Außerdem kooperiert der Kinderhilfsfonds mit 15 Schulen und drei Kindertagesstätten aus Kiel und stellt ihnen Geld für die Unterstützung bedürftiger Kinder zur Verfügung. 500 Euro gibt es pro Jahr und Einrichtung, die die Schulen und Kitas frei verwenden können. Das Geld stammt aus Spenden, den Erlösen von Benefizkonzerten und Versteigerungen oder von Unternehmen, Organisationen und Vereinen, die mit dem Fonds kooperieren. Es sind nur scheinbar Kleinigkeiten, bei denen der DRK-Fonds Hilfe leistet. Aber oft erleichtert gerade diese Hilfe armen Kindern den Alltag und macht sie stärker. Beispielsweise, wenn sie Zuwendung erfahren, die ihnen sonst oft fehlt. Das ist das Prinzip von „Balu und Du“. Der „Balu“ und sein „Mogli“ – die Namen sind angelehnt an die beiden Figuren aus dem „Dschungelbuch“ – treffen sich einmal wöchentlich, besuchen ein Museum oder lesen gemeinsam in der Bücherei, machen einen Ausflug ans Meer, gehen Eis essen oder unterhalten sich über Probleme des Alltags. „Balu und Du“ ist eine bundesweite Aktion mit Standorten in 47 Städten; die Kieler Sektion wird vom DRK koordiniert und von Marion Scheunpflug geleitet: „Für viele Moglis ist es eine völlig neue Erfahrung, dass sich ein Mensch nur um sie kümmert und dass ihre Wünsche zählen. Das kann ihr Selbstbewusstsein enorm steigern.“

Neues Selbstbewusstsein

Balu und Mogli entscheiden immer gemeinsam, was auf dem Programm steht – so wie Rojbin und die 21-jährige Pädagogikstudentin Sandra Awe, die seit Januar ein Gespann bilden. Rojbin wirkt zwar immer noch zurückhaltend, aber sie lächelt verschmitzt, wenn sie leise erzählt, was ihr bei den Treffen mit Sandra Awe Spaß macht – „schwimmen gehen, kochen, wenn Sandra mir etwas vorliest“. „Balu und Du“ tut Rojbin sichtlich gut. Sie hat für das Treffen in ihrer Schule ein hübsches violettes Kleid angezogen und genießt trotz ihrer Schüchternheit das Interesse an ihrer Person.

„Es ist erstaunlich, wie sie und ihre Schwester sich entwickelt haben“, sagt Ruth Totzek, die Leiterin der Matthias-Claudius-Schule. „Ihre Klassenlehrerin hat vor Kurzem zu mir gesagt: ,Die beiden machen ihren Weg.‘ Ich bin mir sicher: Das liegt an ,Balu und Du‘.“ Natürlich ist in Rojbins Welt deshalb nicht plötzlich alles in bester Ordnung. Noch immer gehört sie zu den Armen in diesem reichen Land. Gerade in Kiel ist Kinderarmut ein besonders drängendes Problem. Nach der Interpretation des vom DRK initiierten Kieler Netzwerks gegen Kinderarmut ist jedes dritte Kind in der Stadt bedürftig. Grundlage der Einschätzung ist der kommunale Sozial-bericht, demzufolge 33 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren Leistungen nach dem SGB II erhalten.

Ausgrenzung als Folge der Armut

In unserer Gesellschaft arm zu sein, bedeutet oft auch, wertlos zu sein. Dann grenzen sich die Familien aus oder sie werden ausgegrenzt: Sie gehen nicht zu Einladungen, weil sie kein Geschenk kaufen können, und sie nehmen nicht an Ausflügen teil, weil sie die Fahrtkosten nicht bezahlen können. Und das ist nur die materielle Dimension der Armut. Zu ihr gesellen sich oft – das zeigen alle Untersuchungen – Bildungsarmut und soziale Verarmung. Diese verhängnisvolle Koppelung führt dazu, dass den Kindern das fehlt, was Jungsein eigentlich ausmachen sollte: eine Zukunftsperspektive. Wenn eine Familie über den Fonds Geld für kleinere Anschaffungen oder Aktivitäten bekommt, nimmt das einen Teil des Drucks weg, der auf den Eltern lastet – was wiederum den Kindern zugute-kommt. Der Geldfluss läuft unbürokratisch ab: Die Lehrer an den koope-rierenden Schulen können selbst entscheiden, welche bedürftigen Schüler wie viel und wofür bekommen. Über die 500-Euro-Pauschalsumme pro Schule hinaus gewährt der Fonds auf Antrag der Lehrkräfte auch bis zu 130 Euro für Einzelfälle. Doch letztlich geht es bei den Leistungen des Fonds immer um Einzelfälle, darum, das Leben eines armen Kindes ein bisschen einfacher zu machen. Oder wie es die Schulleiterin Ruth Totzek formuliert: „Wir können nicht die Welt retten. Aber wenn wir einem Kind helfen, ist schon viel getan.“

Aktuelle Ausgabe 4 | 2011

Titel: Kinderarmut - Hilfe für die Jüngsten