Mittler zwischen den Kulturen

Es ist einfach, nur zu fordern, dass Einwanderer sich integrieren sollen. Erfolgreich dagegen ist es, auf die Menschen zuzugehen und sie zu verstehen. Das DRK tut das mit Stadtteiltreffpunkten wie etwa in Hamm – und mit engagierten Mitarbeitern, die selbs

Die fünfzehn Frauen diskutieren lebhaft. Sie sind türkische und marokkanische Teilnehmerinnen einer regelmäßigen Gesprächsrunde mit gemeinsamem Frühstück, diesmal zum Thema Depression. Sema Atakli, 30, die Leiterin des DRK-Treffpunkts in Hamm-Herringen, hat eine marokkanische Fachreferentin eingeladen. Sie wurde vom Gesundheitsamt im Rahmen des bundesweiten Programms „Mit Migranten für Migranten – interkulturelle Gesundheit in Deutschland“ ausgebildet.

„Vieles dreht sich in meiner Arbeit um Bildung und Aufklärung“, sagt Sema Atakli. Aufklärung, die sich besonders an die Frauen wendet, die für das Familienleben verantwortlich sind, die üblichen Beratungsstellen aber nicht nutzen. Ihr dagegen vertrauen sie – sie ist türkischer Herkunft, stammt aus dem Viertel und weiß, wie sie auf die Menschen zugehen muss. Jede der Kursteilnehmerinnen hat sie vorher persönlich in der Familie besucht und zum Treffen eingeladen.

Vom Gastarbeiter zum Mitbürger

Sema Atakli ist ein Glücksfall für das DRK. Begonnen hat alles vor drei Jahren, als die gelernte Einzelhandelskauffrau Erziehungsurlaub nahm, zu Hause blieb – und erschrocken feststellte, wie isoliert das Viertel in Herringen war und wie allein gelassen die Menschen mit ihren Problemen waren.

Als sie von der Einrichtung des DRK-Treffpunkts erfuhr, war sie fest entschlossen: Sie gab ihre Stelle in einem Möbelhaus auf und wechselte zum DRK. Es ist Basis-arbeit, die Sema Atakli im Stadtteiltreffpunkt leistet. „Nachholende nieder-schwellige Integration“ nennt es die Fachsprache. Nachholend deshalb, weil in den vergangenen Jahrzehnten viel vernachlässigt wurde, weil zu spät verstanden und akzeptiert wurde, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und dass, besonders im Fall der türkischstämmigen Bevölkerung, aus den ehemaligen „Gastarbeitern“ inzwischen Mitbürger geworden sind, die bereits in der zweiten oder sogar schon dritten Generation im Land leben. Die Folge sind Stadtteile wie Herringen am Rand von Hamm, eine 60er-Jahre-Wohnblocksiedlung mit einem 40- prozentigen Migrantenanteil. Hier leben überwiegend türkische Immigranten, die so gut wie unter sich bleiben – weit weg von den sozialen Diensten unserer Gesellschaft, die bei Arbeitslosigkeit, Ehe- und Erziehungsproblemen oder Schul-versagen der Kinder helfen können. Und zum großen Teil, vor allem die Frauen, immer noch zu weit weg von der  deutschen Sprache.

Mund-zu-Mund-Propaganda macht’s möglich

Im Auftrag und mit Finanzierung der Stadt Hamm hat das DRK 2010 den Treffpunkt in Herringen eröffnet.  Vorbild war die gelungene Integrationsarbeit mit Spätaus-siedlern, die das DRK seit 2006 mit einem ähnlichen Treffpunkt im Stadtteil Werries durchführt. Auch dort ging es um Beratungen, um die seelische Belastung des Fremdseins zu bewältigen, praktische Hilfen bei der beruflichen Eingliederung und dem Umgang mit Ämtern, Unterstützung der Kinder in der Schule, Sprachkurse. Das ist es, was der Begriff „niederschwellig“ meint: die Hürden für die Betroffenen, die Hilfe wahrzunehmen, so niedrig wie möglich zu halten. Unverzichtbar sind deshalb Mitarbeiter, die selbst aus den Kulturkreisen stammen, die die Menta-litäten kennen und die,wenn es nötig ist, die fremde Sprache beherrschen.

Nähe zu den Menschen und Kenntnisse über mentalitätsbedingte Hintergründe

Wie wichtig es ist, den Menschen nah zu sein und mentalitätsbedingte Hinter-gründe zu kennen, schildert Sema Atakli: „In den Familien entscheiden die Väter, doch gibt es Probleme, wollen viele sie schlicht nicht wahrhaben. Dann wird nicht gehandelt.“ Mit ihren persönlichen Gesprächen in den Familien bringt sie die Väter aber zum Nachdenken. So wie es ihr im Fall eines Jungen gelang, dessen Kinder-gartenerzieherin zu Logopädie und Frühförderung riet. Der Vater ließ sich nach anfänglicher Ablehnung darauf ein, sich zumindest über das Thema zu informieren. Die Familie hat jetzt zugesagt, den Vortrag eines türkischen Logopäden im Treffpunkt zu besuchen. „Und dann wird auch die Maßnahme für das Kind kommen“, ist sich Atakli sicher. „Die Menschen erfahren in den Treffen, dass Probleme keine Schande, sondern lösbar sind. Dann sind sie erleichtert und fassen Vertrauen – denn unterm Strich wollen alle hier nur das Beste für ihre Kinder.“

Die Menschen in Herringen spüren, dass sich etwas verändert. „Die Nachfrage nach unseren Angeboten ist im vergangenen Jahr stetig gestiegen“, sagt Atakli. Egal, ob es sich um die Deutschkurse handelt, um die Hausaufgabenbetreuung oder um Familien und Erziehungskurse handelt, die Mund-zu-Mund-Propaganda macht es möglich. „Spreche ich heute eine Familie an, kommen morgen fünf.“

Aktuelle Ausgabe 4 | 2011

Titel: Kinderarmut - Hilfe für die Jüngsten