Neue Heimat DRK

Sie wollen etwas tun und dem Land danken, das sie aufgenommen hat: Geflüchtete, die sich ehrenamtlich im Deutschen Roten Kreuz engagieren. Durch ihr Engagement werden die Neuankömmlinge zu Repräsentanten einer Botschaft: Jeder, der helfen will, ist beim DRK willkommen.

Als freiwilliger Helfer des Syrischen Arabischen Roten Halbmonds (SARC) betreute Malaz Abd Al Hai irakische Flüchtlinge, die vor dem Krieg in ihrem Heimatland in Syrien Schutz gesucht hatten. Dann brach der Bürgerkrieg in Syrien aus. Tag für Tag waren Abd Al Hai und seine Kameraden nun im Einsatz, um Leben zu retten und zu schützen. Nach einer Fortbildung zum Sanitäter engagierte er sich zudem in der psychosozialen Unterstützung Traumatisierter. „Wir boten Kurse für Mütter, die ihre Kinder verloren hatten, an und kümmerten uns um Kinder, die der Krieg zu Waisen gemacht hatte.“ Vor zwei Jahren wurde Abd Al Hai dann selbst zum Flüchtling. Über einen Zwischenaufenthalt in Mecklenburg- Vorpommern kam er nach Frankfurt am Main. Noch in der Erstaufnahmeeinrichtung begann er, sich mit einer Sprach- App Deutsch beizubringen. Von Anfang an stand für ihn fest: „Ich will helfen und das DRK unterstützen, so, wie ich den SARC unterstützt habe.“ Schon ein halbes Jahr später besuchten er und ein syrischer Freund, der sich ebenfalls beim SARC engagiert hatte, einen Bereitschaftsabend des DRK-Ortsvereins Höchst – Zentrum West – damals noch in Begleitung einer Übersetzerin. „Seitdem sind Malaz und sein Freund Mowafak Teil unseres Teams“, freut sich Bereitschaftsleiterin Karin Kirchner. „Mit ihrer Begeisterung und ihrer positiven Ausstrahlung sind sie eine echte Bereicherung.“ Während die beiden nach und nach die notwendigen Ausbildungen absolvieren, unterstützen sie so oft wie möglich DRK-Sanitätsdienste bei Fußballspielen, Konzerten und anderen Veranstaltungen. Der Bereitschaftsabend des Ortsvereins, zu dem er jeden Donnerstag kommt, hilft, seine Sprachfähigkeiten zu verbessern. „Im DRK bekam ich schnell viele Kontakte zu Deutschen. Die Kameraden sind sehr nett. Sie haben es mir leichtgemacht.“

Engagement als Chance, sich zu integrieren

Die Geschichte von Malaz Abd Al Hai ist kein Einzelfall. Viele Flüchtlinge möchten etwas Nützliches tun, dabei die Sprachkenntnisse verbessern und dem Land, das ihnen Schutz bietet, etwas zurückgeben. Oft beginnen sie bereits, sich in der Flüchtlingsunterkunft zu engagieren, helfen bei der Kinderbetreuung, in der Kleiderkammer oder stellen sich als Übersetzer zur Verfügung. Gerade in Unterkünften, die das DRK betreibt, ergeben sich so schnell Kontakte zu Rotkreuzlern. Engagement als Chance, sich in Deutschland zu orientieren und zu integrieren – das bietet auch das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). Um jungen Flüchtlingen die Teilnahme zu erleichtern, hilft ihnen das DRK im Rahmen des Pilotprojekts „FSJ Welcomes“ mit unterstützenden Maßnahmen. So haben Geflüchtete die Möglichkeit, einen Sprachkurs zu besuchen, es werden ihnen Paten zur Seite gestellt, die sich mit ihnen treffen, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Amadou Keita ist einer der Ersten, die an diesem Programm teilnehmen. Der 20-Jährige musste aus seinem Heimatland Mali fliehen, weil er von Islamisten bedroht wurde. Seit anderthalb Jahren lebt er nun in Deutschland. Sein Aufenthaltsstatus ist noch ungesichert. Er kann aber nach Absprache mit der Ausländerbehörde arbeiten. Oft kam er zum „Kristallisationspunkt gegen Armut durch Integration“ (KAI) im nordrhein-westfälischen Hückelhoven, einer Beratungs- und Begegnungsstelle, die der DRK-Kreisverband Heinsberg in Kooperation mit der Stadt unterhält. „Wir bringen Menschen aus dem Quartier und der ganzen Stadt rund um das Thema Integration und Flüchtlingsarbeit zusammen“, erklärt Leiterin Julie Ilner. „Neben der Beratung in allen Fragen des Lebensalltags gibt es hier Gelegenheit, sich auszutauschen.“ Gemeinsame Backaktionen, Zeltlager und ein Repair-Café gehören zum Angebot.

„Das DRK hilft, über sich selbst hinauszuwachsen“

„Es tat mir gut, hierherzukommen“, erzählt Keita. Und weil er Zeit hatte und etwas tun wollte, begann er, sich ehrenamtlich im KAI zu engagieren, erledigte Botengänge, begleitete Flüchtlinge und half, wo er konnte. „Nach der Renovierung des Gebäudes baute er Möbel auf und richtete die Räume ein, ja, er machte den Ort zu dem, was er heute ist“, freut sich Ilner. Seit Mai dieses Jahres leistet Keita im KAI ein Freiwilliges Soziales Jahr. „Ich bin stolz und fühle mich geehrt, hier helfen zu dürfen“, sagt er – auf Französisch, denn noch spricht er nur wenig Deutsch. Doch der regelmäßige Kontakt mit Kollegen, Besuchern und Ehrenamtlichen sowie der zweimal wöchentlich stattfindende Sprachkurs fördern seine Sprachkompetenz. Und sein Selbstbewusstsein, wie er betont: „Ich weiß jetzt, dass ich vieles schaffen und lernen kann.“ Außerdem lenke ihn die Arbeit von seinen Sorgen um die Zukunft ab. „Beim Roten Kreuz habe ich gelernt, über mich selbst hinauszuwachsen und auch über mich selbst hinaus zu denken.“

Starkes Gefühl der Verbundenheit

Der Wunsch, eine neue Heimat zu finden, motiviert nicht nur Geflüchtete, die erst seit Kurzem in Deutschland leben. Er setzt sich auch in der zweiten Generation fort. „Meine Eltern kamen Anfang der 90er-Jahre als Flüchtlinge aus Somalia nach Deutschland. Die deutsche Gesellschaft hat uns hier eine zweite Heimat geboten“, erklärt Abdellatif Ikar. „Dafür möchte ich durch mein Engagement beim Roten Kreuz Danke sagen.“ Seit 2015 ist Ikar aktives Mitglied im DRK Bonn – und das kam so: „Die Sicherheitsfirma, bei der ich damals arbeitete, betreute auch eine Flüchtlingsunterkunft des DRK. Dort habe ich von schrecklichen Schicksalen gehört, zum Beispiel von einer Frau, die auf der Flucht vergewaltigt und schwanger wurde. Da wollte ich helfen.“ Seitdem engagiert sich der junge Mann, der heute hauptberuflich als Fahrlehrer arbeitet, in der DRK-Bereitschaft Bonn-Stadt. „Ich habe mich auch entschlossen, Notfallsanitäter zu werden“, so Ikar. „Einer meiner Brüder ist Arzt, eine Schwester Arzthelferin. Später, wenn ich meine Ausbildung beendet habe, möchten wir gern zusammen in Somalia helfen – vielleicht in einem der Projekte, die das DRK dort durchführt.“

Text: Anja Martin // Foto: Andre Zelck/DRK e.V.