Wie viel Technik darf es werden?

Die Zukunft der Pflege wird von technischen Fortschritten geprägt sein. Doch wie viel davon wollen wir eigentlich? Wo liegen ethische Grenzen? Eine Diskussion, die beim Deutschen Roten Kreuz schon jetzt beginnt. 

Emma, das Robbenbaby-Kuscheltier, ist ein richtiger Hightechroboter. Zehn Jahre wurde an ihr in Japan geforscht. 2001 wurde sie dann auf den Markt gebracht. Sie kostet circa 6 000 Euro. In Deutschland hat Emma unter anderem im DRK-Pflegeheim Banteln in Niedersachsen ihren Platz gefunden. Sie soll bei der Arbeit mit Demenzkranken helfen. Dafür hat sie unter dem Fell eine Reihe von Sensoren, die registrieren, wenn man Emma streichelt. Dann fiept sie und gibt wohlige Geräusche von sich. Haut man sie oder ist zu grob, reagiert sie mit Protestlauten. Die Robbe kann den Kopf bewegen, mit dem Schwanz wackeln und auf Geräusche reagieren. „Emma ist bei unseren Bewohnern sehr beliebt. Sobald sie sie sehen, reagieren sie auf sie und wollen sie kraulen oder sie im Arm halten. Emma holt Erinnerung an die eigenen Haustiere zurück, löst Wohlbefinden und einen Beschützerinstinkt aus“, sagt Elke Hamroll, die DRK-Heimleiterin. Gleichzeitig soll Emma den Menschen nicht ersetzen, sondern vielmehr den Kontakt zu den Bewohnern unterstützen.

Im direkten Kontakt

Viel wird geforscht, entwickelt, diskutiert und berichtet über die mögliche Verwendung von Robotern im Pflegebereich, sei es in Altenheimen oder in Krankenhäusern. Doch bisher sind es alles Prototypen. Tatsächlich ist Emma der erste und auch bisher einzige Roboter, der in Deutschland im regulären Betrieb und im direkten Kontakt mit Menschen im Dienst ist. Die Entwicklung steht noch ganz am Anfang. „So haben wir jetzt die Möglichkeit, zu überlegen, wie das später einmal aussehen kann. Wir wollen nicht irgendwann von der Technik überrannt werden, sondern jetzt mitgestalten. Dazu gehören auch die ethischen Fragen: Wollen wir überhaupt, dass Roboter direkt mit Pflegebedürftigen zu tun haben?“, fragt Karolina Molter. Sie ist im DRK-Generalsekretariat als Projektleiterin für die strategische Weiterentwicklung der DRK-Altenhilfe und -pflege zuständig. Gleichzeitig drängt die Demografie: Unsere Gesellschaft wird immer älter, bereits 2030 werden 35 Prozent der Deutschen über 60 Jahre alt sein. Dem gegenüber steht ein Fachkräftemangel im Pflegebereich.

Kein Ersatz für den Menschen

In Japan hat Pepper ebenfalls Pepper den Status des Prototyps verlassen haben und wird im Pflegebereich zur Unterhaltung und für Bewegungsprogramme eingesetzt: Ein kleiner Kerl von 1,20 Metern Größe mit zwei kugelrunden Augen, zwei Armen und Fingern. Auf Rollen bewegt er sich vorwärts. Pepper kann die Mimik, Gesten, Stimmlagen und damit die Emotionen von Menschen erkennen und darauf reagieren. Er kann Gesichter wiedererkennen, außerdem Sportübungen anleiten, Musik vorspielen, Rätsel stellen und sich unterhalten. Aber alles nur in einem sehr begrenzten Rahmen. Alles, was er sagt, tut, anleitet, jede Reaktion auf jeden Satz, muss vorher einprogrammiert werden.

Deswegen ist er eines nicht: der neue Kollege im Altenheim. „Bei der grundpflegerischen Versorgung am Menschen finde ich das bedenklich“, sagt Meike Buchholz, Verbandsoberin beim Verband der Schwesternschaften vom DRK. „Hier geht es um den individuellen Bedarf des pflegebedürftigen Menschen und ein Roboter ist kein Ersatz für echte soziale Verbundenheit. Für Bereiche wie zum Beispiel das Bewegungs- und Gleichgewichtstraining bei Schlaganfallpatienten halte ich den Einsatz von robotischen Unterstützungssystemen aber durchaus für sinnvoll.“

Roboter – auch eine Kostenfrage

Was Roboter heute und auch in fernerer Zukunft noch nicht können: die komplexe pflegerische Arbeit übernehmen. Bis es so weit ist, muss geklärt werden, ob wir das wollen, auch angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft. Zudem müssen entsprechende Gesetze geschaffen werden, die festlegen, wer für das Handeln eines Roboters verantwortlich ist. Haftungsfragen müssen geklärt werden. Und schließlich ist da noch die Frage der Kosten: Roboter sind noch sehr teuer. Einfache Modelle wie Pepper kosten rund 20 000 Euro, die nicht von den Kassen übernommen werden. Komplexe Modelle können 100 000 Euro und mehr kosten. So oder so: Die Zukunft bleibt spannend.

Text: Karl Grünberg; Foto: Gerald Matzka / picture alliance