Mobil, innovativ und digital: das DRK auf dem Land

Die Jüngeren ziehen fort, viele Geschäfte schließen, der Bus fährt selten und die nächste Arztpraxis ist weit weg. Das DRK aber bleibt. Mit neuen Ideen und bewährten Diensten bietet es Menschen in ländlichen Regionen vielfältige Unterstützung.

Wer Medikamente braucht, hohes Fieber oder starke Schmerzen hat, geht zum Arzt. In ländlichen Regionen nimmt die Zahl der Hausärzte jedoch kontinuierlich ab. Fachärzte gibt es nur noch in größeren Städten. „Wir haben überlegt, was wir als Rotes Kreuz tun können“, sagt Andreas Ring, Vorstand des DRK-Kreisverbands Wolfenbüttel. Herausgekommen ist das Sozio-Med-Mobil (SMM), ein innovativer Mobilitäts- und Beratungsservice, den das DRK seit einigen Monaten erprobt. Unter dem Motto „Sie kommen zum Arzt –Beratung kommt zu Ihnen“ bietet es in der Samtgemeinde Elm-Asse, einem Verband von zwölf Gemeinden im Landkreis Wolfenbüttel, kostenfreie Fahrten zu Ärzten, Therapeuten, Optikern oder Hörgeräteakustikern. Auch wer einen Termin im Rathaus hat, kann auf das SMM zählen. Zielgruppe sind Menschen mit Behinderung, von Armut Betroffene, Geflüchtete oder chronisch Kranke.

Dreh- und Angelpunkt des Modellprojekts, das vom Europäischen Sozialfonds und der Stiftung Zukunftsfonds Asse gefördert wird, ist das Internetportal. Mit wenigen Klicks können sich Nutzer registrieren. Wer über keinen Internetanschluss verfügt oder mit dem Computer nicht gut zurechtkommt, dem helfen sogenannte Kümmerer. Das können Nachbarn, Familienmitglieder oder Ehrenamtliche sein, die die Fahrten eine Woche vor dem Termin online buchen. So stärkt das Projekt ganz nebenbei auch das Sozialgefüge in der Region. 

Rahmenbedingungen für Innovationen schaffen

Das auf zwei Jahre angelegte Modellprojekt wurde so konzipiert, dass es leicht auf andere Regionen übertragbar ist. Schon jetzt liegen Anfragen mehrerer DRK-Kreis- und Landesverbände vor. Denn angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden sozialen und gesundheitlichen Versorgungslücken im ländlichen Bereich werden neue Lösungen dringend gesucht. Überall im Land gestaltet das DRK Veränderung und Wandel.

Die Flüchtlingshilfe hat sich dabei auch in ländlichen Regionen als wahrer Innovationsmotor herausgestellt – wie zum Beispiel im Kreis Heinsberg an der Grenze zu den Niederlanden. In den vergangenen Jahren rückte hier mehr und mehr die Integration der Neubürger in den Vordergrund. Geschäftsführer Lothar Terodde erinnert sich: „Wir wollten integrative Angebote schaffen, die allen Menschen, die Hilfe brauchen, zugutekommen.“ Aus dieser Überlegung heraus entstanden in enger Kooperation mit einigen Städten im Kreis die „Kristallisationspunkte gegen Armut für Integration“, kurz KAI. Vier solcher Begegnungs- und Beratungsstellen gibt es mittlerweile an verschiedenen Orten im Verbandsgebiet. Die Aktivitäten reichen von regelmäßig stattfindenden Repair-Cafés und Nähtreffs über Sprachkurse bis zur Hilfe bei Behördenangelegenheiten. 

Aktiv das eigene Lebensumfeld verschönern

Die Angebote der KAIs richten sich ganz nach den Wünschen und Bedürfnissen der Anwohner – und die sehen in der Kreisstadt Heinsberg anders aus als in den neun umliegenden Gemeinden, die einen bunten Flickenteppich aus kleinen Städten und Dörfern bilden. In Hückelhoven beispielsweise startete das DRK in enger Zusammenarbeit mit der Stadt ein Projekt von Jugendlichen für Jugendliche. „Pimp dein Viertel“ heißt es, was so viel bedeutet wie „Mach dein Viertel schöner“. Die Idee: Junge Menschen erfahren durch konkrete Aktionen, dass sie in ihrem Lebensumfeld etwas zum Besseren wenden können. Das DRK erwarb einen Bus, den es mit Werkbank, Handwerkszeug, Schrauben, Pinseln, Farbe und allem, was zu einer mobilen Werkstatt dazugehört, ausstattete. In schulfreien Zeiten sind Jugendliche des Viertels nun unterwegs, um das Quartier zu verschönern. Den Anfang machte eine vernachlässigte Bushaltestelle. Unter Anleitung eines Künstlers verwandelten die Jungen und Mädchen das Wartehäuschen in ein farbenprächtiges Kleinod. Demnächst ist ein Dreck-weg-Tag geplant, der sowohl im Viertel als auch in der näheren Umgebung stattfinden soll. Die Anschubfinanzierung für dieses kreativ-integrative Projekt leistete die Deutsche Postcode Lotterie, ein niederländisches Unternehmen, das soziale Aktionen fördert.

Verankerung in der Fläche

Fahrdienste, Essen auf Rädern, Erste-Hilfe-Kurse, Pflegedienste, Freizeitangebote und vieles mehr leistet das Rote Kreuz flächendeckend – also auch dort, wo sich kommerzielle Anbieter aufgrund der abnehmenden Bevölkerungsdichte mehr und mehr zurückziehen. „Die Verankerung in der Fläche ist ja die große Stärke des DRK“, betont Terodde. „Wir kennen die Menschen und Strukturen vor Ort. Wir wissen, wo der Schuh drückt.“ Aus diesem Wissen heraus ist es dem DRK möglich, seine Leistungen immer wieder an neue Bedarfe anzupassen. So wird der DRK-Kreisverband Heinsberg künftig mit dem „Tante- Emma-Bus“, einem mobilen Lebensmittelgeschäft, die Nahversorgung älterer und immobiler Menschen in der ländlichen Gemeinde Gangelt für 19 Ortsteile sicherstellen.

Text: Anja Martin; Fotos: Rudolf Wichert/DRK-Service GmbH