Die Macht der kleinen Schritte

Klimawandel, Dürre und Krieg gefährden das Leben der Menschen in Somalia, im Jemen und dem Sudan. Das Deutsche Rote Kreuz ist vor Ort, um in der akuten Not zu helfen und um langfristige Veränderungen zu bewirken.

Vorsichtig und mit ruhiger Hand streut ein somalischer Bauer gelbe Samenkörner in die Löcher, die er zuvor in den sandigen Boden gehackt hat. Dann schaut er in den Himmel. Wann nur kommt der Regen? Ausgedörrte Böden, verendete Tiere – die Lage ist mehr als ernst. Doch der Bauer weiß auch, dass seine Frau gerade Reis, Bohnen und Öl für sich und die Kinder kaufen konnte. Und für die Samen, in die er nun seine Hoffnung setzt, musste er keine Schulden aufnehmen. Ihm und seiner Familie hat das Deutsche Rote Kreuz geholfen.

Diese Szene zeugt von Hoffnung in einem Land, in dem die Not zurzeit besonders groß ist. In Somalia, aber auch in den Ländern Jemen und Sudan leiden die Menschen unter einer Hungersnot, sie sind von Krankheiten wie der Cholera betroffen und durch Krieg und Vertreibung gefährdet. Insgesamt 20 Millionen Menschen fehlt all das, was sie zum Überleben brauchen: Essen, Wasser, Medikamente, Sicherheit. In dieser schwierigen Situation ist das Deutsche Rote Kreuz vor Ort, hilft zusammen mit den Schwesterorganisationen vom Roten Halbmond und kommt dabei in Gebiete und zu Menschen, die sonst niemand erreicht.

Tanklaster bringen Wasser in die Dörfer

In der Region Somaliland am Horn von Afrika haben der Klimawandel aber und dessen verstärkende Wirkung auf Wetterphänomene wie El Niño von 2015 an die Regenzeiten im Somaliland auf wenige Wochen verkürzt oder ausfallen lassen. „Die extreme Dürre raubt den Menschen ihre Lebensgrundlage, bis ihnen buchstäblich nichts mehr bleibt. Es herrscht eine Hungersnot“, sagt Katharina Lahr, DRK-Länderreferentin für Somalia. Vor kurzem war sie bei den DRK-Kollegen vor Ort und hat Dörfer in der Umgebung der Stadt Hargeisa im Somaliland besucht.

Dabei sind ihr vor allem die Begegnung und das Gespräch mit einer Mutter in Erinnerung geblieben. Die Frau kümmert sich um ihre sechs Kinder und zwei Enkelkinder, ihr Mann ist gestorben. Jeden Tag muss sie 20 Kilometer laufen, um Wasser zu finden. Von einem Teil ihrer Sorgen ist sie nun entlastet, denn sie und ihre Familie nehmen am Cash-Transfer-Programm des DRK teil. Einmal im Monat bekommen sie und mit ihr weitere 2050 Not leidende Familien 84 Euro auf ihre SIM-Handykarte überwiesen. Mit diesem Guthaben können sie einkaufen gehen: Reis, Bohnen und Wasser oder auch Saatgut. In den Jahren zuvor hat das DRK dafür gesorgt, dass vier Ambulanzwagen dringende medizinische Hilfe leisten können, dass in Gesundheitsstationen hungernde Kinder mit nährstoffreicher Zusatznahrung versorgt werden und dass Laster Wasser in die Dörfer bringen und dort die Wasserspeicher wieder auffüllen.

10,3 Millionen unterernährte Kinder leiden im Jemen

Hunger und Not haben viele Gründe. Im Jemen ist es der Krieg, der seit 2015 wütet. Regierung und Rebellen kämpfen gegeneinander in einem unübersichtlichen Konflikt. Die Folgen: Die Bewohner können sich nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen und auch nicht zum Arzt gehen. Viele müssen vor den Kämpfen fliehen, ihre Dörfer verlassen und ihre Böden brachliegen lassen. Das Auswärtige Amt schätzt, dass weit über die Hälfte der Bevölkerung humanitäre Hilfe benötigt. Das sind 18,8 Millionen Menschen.

„Das Land steht kurz vor einer Hungersnot und dem totalen Kollaps: Krankenhäuser, Gesundheitsstationen oder Schulen – kaum etwas funktioniert. Dazu kommt noch die Cholera, die sich schnell ausbreitet und unbehandelt zum Tod führen kann“, sagt Karolin Kleine-Cosack, DRK-Länderreferentin für den Jemen. Zusammen mit dem Jemenitischen Roten Halbmond und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) eilen die Helfer von Notsituation zu Notsituation. Dabei ist es vor allem die unübersichtliche Kriegslage, die das Planen so schwierig und auch gefährlich macht. Bis jetzt hat das DRK 10 000 Nahrungsmittelpakete per Schiff ins Land gebracht und an Bedürftige verteilt sowie 5 000 Hygienepakete und 12 000 Choleratests in betroffenen Gebieten ausgehändigt. Zusätzlich klären Freiwillige und Helfer die Bevölkerung über die Verbreitungswege von Cholera und über die notwendige Hygiene auf.  Vor allem aber unterstützt das DRK den Jemenitischen Roten Halbmond dabei, dass Krankenhäuser und mobile Gesundheitsstationen funktionieren und mit dem Notwendigsten ausgestattet sind: mit Medikamenten, Labor- und Operationsgeräten, mit Benzin für die Notstromaggregate.

Mit Kuhdung dem Klimawandel trotzen

Im Sudan werden auf Initiative des DRK beispielsweise Regenauffangbecken gegraben - zehn mal fünf Meter breit und einen Meter tief. Hier wird sich der nächste Regen sammeln und der Bauer wird seine Ziegen und das Getreide auch in der Trockenzeit mit Wasser versorgen können. „Im Sudan will das DRK langfristig helfen, um die chronische Ernährungsunsicherheit zu beenden und die Bauern gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen“, erklärt Regina Schäfer, DRK-Ernährungsexpertin und Büroleiterin im Sudan. Das DRK unterstützt zusammen mit dem Sudanesischen Roten Halbmond die Bauern und ihre Familien, damit sie sich an die neue klimatische Situation mit möglichst einfachen Mitteln anpassen.

Möglichst einfach ist es zum Beispiel, sich seinen Dünger selbst herzustellen: aus Kuhdung, Blättern, Asche und Stroh. Die Mischung ist biologisch, sorgt für bessere Ernten und man muss sie nicht extra kaufen. Diese und weitere Methoden lernen die Kleinbauern aus zwölf Gemeinden in der Gedaref-Region in den dafür aufgebauten Bauern- Feld-Schulen. Das Ergebnis: eine bessere Ernte und durch die Regenauffangbecken mehr Wasser für die Tiere.

Ein Ergebnis, das Hoffnung macht.

Text: Karl Grünberg; Foto: Fredrik Barkenhammar/DRK e. V.