Chance für alle

Drogen, Gewalt, Diskriminierung oder pubertätsbedingte körperliche  Veränderungen – die Herausforderungen für Kinder und Jugendliche können vielfältig sein. Facettenreiche gestaltet sich daher die Kinder- und Jugendsozialarbeit des DRK.

Auch Basketball gehört zum DRK-Angebot im DRK-Jugendladen Wedding. Wichtigster Grundsatz der Arbeit im Kiez rund um Nettelbeckplatz und Kolberger Straße: keine Gewalt

Finn ist zwölf Jahre alt und hat ein schweres Los: Seine Eltern sind suchtkrank. Zum Spielen blieb er früher lieber zu Hause und Freundschaften zu knüpfen, fiel ihm schwer. Lange wuchsen Jungen wie Finn in der sächsischen Stadt Zwickau allein auf sich gestellt auf; mit den Süchten von Mama und Papa mussten sie selbst klarkommen. Heute ist das anders: Seitdem sich im Sommer 2016 das Projekt Rabbatz im Alten Schützenhaus einquartiert hat, weht frischer Wind in „Zwigge“, wie Zwickau im sächsischen Dialekt genannt wird. An drei Nachmittagen pro Woche können Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 8 und 14 Jahren das Freizeitangebot der Einrichtung nutzen. Das Besondere? Rabbatz, eine Initiative des DRK-Kreisverbands Zwickauer Land, richtet sich an Kinder aus suchtbelasteten Familien. Unter ihrem Dach finden die Sprösslinge die richtigen Ansprechpartner und einen geschützten Raum, um Erlebtes loszulassen und Krisensituationen zu verarbeiten. 14 Kids besuchen die Einrichtung regelmäßig, 29 sind insgesamt angemeldet.

Das DRK – Begleiter auf dem Weg ins Erwachsenwerden

Ein suchtbelastetes Elternhaus ist jedoch nur eine von vielen prekären Lebenslagen, die zu sozialer Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen führen können. Die Jugendsozialarbeit im Deutschen Roten Kreuz wirkt dem aktiv entgegen: Geleitet von regional verschiedenen Schwerpunkten, unterstützen und begleiten Psychologen, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Streetworker sowie unzählige ehrenamtliche Helfer den Nachwuchs aus sozial schwachen Familien in ganz Deutschland auf unterschiedliche Art und Weise: Während bei Rabbatz die Kinder suchtkranker Eltern im Fokus stehen, ist es in der Staudinger Gesamtschule im baden-württembergischen Freiburg die Schulsozialarbeit. Der Jugendladen Wedding in Berlin wiederum konzentriert sich auf die offene Jugendsozialarbeit. Drei unterschiedliche Einrichtungen also, die dennoch ein und dasselbe Ziel vor Augen haben: im Namen des DRK die Jugendlichen auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden zu begleiten und zu unterstützen.

Ansprechpartner für Kinder, Lehrer und Eltern

An der Staudinger Gesamtschule in Freiburg im Breisgau blickt Sozialpädagogen Konrad Bohnacker auf eine mehr als 30 Jahre lange Erfahrung in der Schulsozialarbeit zurück. Bei den „Staudis“ gelandet ist der 61-Jährige durch den DRK-Kreisverband Freiburg, der Träger seiner Stelle ist und zudem an elf weiteren Schulen insgesamt 17 Schulsozialarbeiter beschäftigt. Bei knapp 1 300 Schülern und doppelt so vielen Eltern gibt es für Konrad Bohnacker an der Gesamtschule viel zu tun. Der erfahrene Pädagoge ist geschätzter Ansprechpartner der Staudis und berät Kinder, Lehrer sowie Eltern bei schulischen und erzieherischen Fragen: Was passiert, wenn ein Jugendlicher mit dem Gesetz in Konflikt gerät? Wie lassen sich Gewalt und Mobbing in der Schule und im privaten Umfeld verhindern? Wie äußert sich Sexismus und wie ist er zu erkennen?

Für die „Staudis“ nimmt die Arbeit des Pädagogen einen ganz besonderen Stellenwert ein. „Gerade in einem Umfeld, in dem aus der schulischen Perspektive auf der einen Seite nicht nach Leistung differenziert wird, auf der anderen Seite aber sehr wohl soziale und kulturelle Unterschiede sichtbar sind, ist es mein Job als Schulsozialarbeiter, mögliche Konflikte erst gar nicht aufkommen zu lassen“, sagt Konrad Bohnacker. Damit das gelingt, vernetzt Bohnacker die Bedürfnisse der Schule mit den Angeboten des DRK. Doch Schulsozialarbeit bedeutet für Konrad Bohnacker mehr als Beratungen und Gesprächstherapien. Als Leiter des Werkspielplatzes baut er in der Mittagspause mit den Schülern Holzhütten oder macht Lagerfeuer.

Toleranz und gegenseitiger Respekt im Mittelpunkt

Mitten in einem sozialen urbanen Brennpunkt gelegen, wo Gewalt, Sucht und Diskriminierung allgegenwärtig sind, gelingt es dem DRK im Jugendladen Wedding in Berlin bereits seit den 1990er-Jahren, einen Ort familiärer Atmosphäre zu schaffen. Das war nicht immer so: „In den Anfängen des Jugendladens war der kriminelle Einfluss des Umfelds in unserer Einrichtung deutlich zu spüren“, sagt Ahmad Samer, der Leiter der Initiative, der einst selbst Besucher des Jugendladens war. „Nach dem Motto ’Der Stärkere gewinnt‘ haben die Jugendlichen lange versucht, ihre schlechten Angewohnheiten mit in unser Quartier zu bringen.“ Heute ist das anders: „Für mich ist der Jugendladen mittlerweile vergleichbar mit einer kleinen, ruhigen Südseeinsel, die Kinder und Jugendliche anlockt, die ihre Freizeit friedlich verbringen möchten.“

Reza Yeganmeh ist seit 1999 Mitarbeiter der Einrichtung. „Unser Jugendladen ist eine offene Freizeiteinrichtung, in der Kinder und Jugendliche ihre Nachmittage ganz ungezwungen und gemeinschaftlich selbst gestalten“, sagt Reza Yeganmeh. „Hier können sie beispielsweise Billard, Karten oder Kicker spielen. An bestimmten Tagen bieten wir auch Selbstverteidigungskurse, politische Diskussionsrunden und Kochgruppen an.“ Esekan ist 13 Jahre alt und besucht den Jugendladen seit einem Jahr. Vor allem zum Fußballspielen kommt er hierher. Verschiedene Religionen und Nationalitäten sind für ihn kein Problem. „Wenn neue Kinder kommen, dann sind die anfangs so allein und ganz schüchtern“, erzählt Esekan. „Da frag ich erst gar nicht, woher sie kommen, sondern sag einfach: ’Hey, du, spiel doch mit!‘ “

Dass Integration auf diese Art quasi ganz nebenbei passiert, ist den Grundwerten, denen sich der Jugendladen verschrieben hat, zu verdanken. Für Ahmad Samer, den Leiter der Einrichtung, ist klar: „Unsere Regeln sind einfach: keine Gewalt, kein Sexismus, kein Rassismus. Bei uns ist jeder gleichberechtigt. Egal ob Junge oder Mädchen, mit oder ohne deutsche Wurzeln, ob Syrer oder Türke, Christ oder Moslem, Schiit oder Sunnit.“ Reza Yeganmeh weiß: „Es gibt zwar viel, was uns unterscheidet, aber eines, was uns alle verbindet: Und das ist die deutsche Sprache – auf ihr bauen wir auf.“ 

Text: Tina Zeinlinger; Foto: DRK-Jugendladen-Wedding